Kurzfrist
SCHLAGZEILE:
Auftakt einer vor allem in Süddeutschland nachhaltigen Hitzewelle mit starker,
teils extremer Wärmebelastung.
Kommende Nacht im Westen und Nordwesten erste markante Gewitter.
Freitag und Samstag dann quasi landesweit zwar nur örtlich auftretende, aber
kräftige Gewitter mit Unwetterpotenzial (wg. Starkregen auch extrem).
Synoptische Entwicklung bis Samstag 06 UTC
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Aktuell ... befindet sich das Vorhersagegebiet unterhalb eines breit angelegten
Höhenrückens, der vom westlichen Mittelmeerraum über Mitteleuropa hinweg noch
etwas nordwärts reicht, dann aber bereits deutlich abflacht. Flankiert wird der
Rücken von Höhentrögen über Nordost-/Osteuropa und dem nahen Ostatlantik, woraus
sich eine nur nur äußerst gering progressive Konstellation ergibt, die durchaus
einem Omega-Muster ähnelt. Der westliche Höhentrog füttert den Rücken immer
wieder mit Warmluft, wodurch er zwar tatsächlich peu à peu nach Osten
vorankommt, von Westen her allerdings immer wieder regeneriert wird.
Entsprechend dominiert landesweit Absinken. Das mit dem Rücken korrespondierende
Bodenhoch "GORGIAS" hat sich mit seinem Schwerpunkt inzwischen nach Südosteuropa
zurückgezogen und macht an seiner Westflanke den Weg frei für heiße
Subtropikluft, die nun ungehindert von Nordafrika über die Iberische Halbinsel
und Frankreich bis ins Vorhersagegebiet vordringen kann. Die
Radiosondenaufstiege von 12 UTC registrierten 850 hPa-Temperaturen zwischen 10
Grad über Schleswig und 17 Grad in Altenstadt bzw. 19 Grad in Payerne (Schweiz),
aktuell sind sie sogar noch um 1 bis 2 K gestiegen. Die Folge sind Maxima
zwischen 35 Grad im Südwesten und 25 Grad ganz im Norden/Nordosten, an den
Küsten blieb es noch ein wenig frischer.
Die advehierte Luftmasse zeichnet sich vor allem bedingt durch die bodennahe
bzw. niedertroposphärische Erwärmung durch eine zunehmende und hochreichende
Labilität aus und vor allem über Norddeutschland, nahe eines weiter nördlich
schleifenden Frontenzuges, auch durch einen hohen Gehalt an niederschlagbarem
Wasser (PPWs dort um oder über 30 mm), und im Bereich lokaler
Feuchteflusskonvergenzen konnten kleinräumig auch mehr als 500 J/kg ML-Cape
generiert werden, dennoch dämpfte das Absinken überwiegend die konvektive
Aktivität. Lediglich in der Osthälfte hat es für den ein oder anderen schlappen
Schauer gereicht, auf der tschechischen Seite des Böhmerwaldes sogar für ein
recht kräftiges Gewitter, an der Station Jeleni fielen zwischen 15 und 16 Uhr 22
l/m². Und mit Hilfe der Orographie konnten am späten Nachmittag sogar
pulsierende Einzelzellen im Südschwarzwald östlich des Feldberges getriggert
werden.
Für die Wetterentwicklung in der kommenden Nacht gilt es aber nun, den Blick gen
Westen zu richten, Richtung Ärmelkanal und Nordwestfrankreich/Belgien. Dort ist
die südwestliche Höhenströmung nicht mehr antizyklonal konturiert, sondern eher
glatt, und bei genauerem Hinsehen (am besten erkennbar in der IPV-Darstellung)
lassen sich kleinere Störungen ausmachen. Diese konnten über Frankreich bereits
dynamische Hebung generieren und entsprechend hat sich eine flache
Tiefdruckrinne etabliert, angefüllt mit sehr labiler und energiereicher Luft
(ML-Cape teils über 1500 J/kg). Die Scherungsbedingungen sind dort ebenfalls
nicht zu verachten (20 bis 25 m/s hochreichend, über 10 m/s in den unteren 1 bis
2 km) und inzwischen hat sich über dem zentralen Ärmelkanal bzw. der Normandie
ein mesoskaliges System etabliert, welches sich als mesoskaliger Wirbel (MCV)
abbildet. An dessen Südflanke greift aktuell linienförmig organisierte
Konvektion, fast schon ein klassisches Line Echo Wave Pattern (LEWP) von der
Normandie auf Belgien über.
Im Laufe der Nacht verlagert sich dieses System weiter ostnordostwärts und wird
spätestens um Mitternacht auch auf den Westen bzw. Nordwesten des
Vorhersagegebietes übergreifen. Das geschieht zwar innerhalb eines zunehmend
antizyklonal konturierten Umfeldes (die Störung zieht rasch über Friesland und
die südliche Nordsee hinweg nordostwärts, dahinter wölbt sich der Rücken erneut
ein wenig auf, dennoch entwickelt ein solches System üblicherweise eine gewisse
Eigendynamik und dürfte, vorausgesetzt, es steht oberhalb der stabilen
Grundschicht noch genügend konvektive Energie (MU-Cape) zur Verfügung, die Nacht
hindurch bis in die Frühstunden überleben.
Die Folge sind Schauer und auch einzelne Gewitter, die über NRW, vielleicht noch
das nördliche Rheinland-Pfalz und vor allem aber über das Weser-Ems-Gebiet
hinweg langsam ostwärts ziehen. Die aktuellen ICON-RUC-Läufe gehen inzwischen
von zwei MCS aus (NRW und Weser-Ems-Gebiet), wobei das nördliche aktuell zwar
etwas schwächer ist, aber in eine Region mit "energiereicherer" Luftmasse zieht
als das südliche. Als Begleiterscheinung im Fokus steht in erster Linie der
Starkregen (mehr als 15 mm in kurzer Zeit), aber vor allem zu Beginn ist auch
noch kleinkörniger Hagel möglich, stürmische Böen bzw. Sturmböen sind nicht
ausgeschlossen.
Dass Unwetterpotenzial solcher Systeme ist zwar mangels Scherung nur gering,
dennoch kann es bzgl. Starkregen nicht vollends ausgeschlossen werden.
Im übrigen Land verläuft die Nacht wettertechnisch ruhig. Im Osten und Südosten
sowie in weiten Teilen der Mitte ist der Himmel überwiegend nur gering bewölkt
oder klar und zumindest im Südosten kühlt es nochmals auf angenehme 17 bis 12
Grad ab, in höher gelegenen Mittelgebirgstälern auch darunter. Ansonsten bleibt
die Nacht bereits sehr mild, in einigen Regionen auch unangenehm warm mit Minima
zwischen 22 und 17 Grad; vor allem in Ballungszentren West- und
Südwestdeutschlands sowie in mittleren Höhenlagen der dortigen Mittelgebirge
werden die 20 Grad oft nicht mehr unterschritten.
Freitag ... ändert sich an der großräumigen Konstellation nur wenig. Die
Hauptachse des Ostatlantiktroges nähert sich bei weiterer Amplifizierung nur
langsam den Britischen Inseln an, wodurch die Höhenströmung vor allem westlich
von uns etwas aufsteilt. Darin eingebettet, greift ein etwas "kompetenterer"
Randtrog im Tagesverlauf auf Süd- und Westfrankreich über.
Im Bodenfeld zieht sich das Hoch noch weiter nach Osten zurück, wodurch die sich
im Tagesverlauf vertiefende Rinne von Nordfrankreich und Belgien her nun auch
auf Nordwestdeutschland übergreifen kann. Damit einher geht eine weitere
Labilisierung und Anfeuchtung der zu uns advehierten subtropischen Luftmasse,
die abends 850 hPa-Temperaturen zwischen 17 Grad im Nordosten und 21 Grad im
Süden aufweist. Die Luftmasse ist nach wie vor unterm Rücken "gedeckelt" (CIN),
der vertikale Austausch dadurch eingeschränkt und vor allem im Bereich lokaler
bzw. innerhalb der Rinne über Nordwestdeutschland auch großräumiger und
hochreichender Feuchteflusskonvergenzen steigen die PPWs auf 30 bis 40 mm bei
einer ML-Cape von gebietsweise 500 bis 1500 J/kg, über Norddeutschland örtlich
auch über 2000 J/kg. Lediglich im Südwesten und Süden wirkt das Absinken noch
dämpfend und entsprechend erreichen die Instabilitätsparameter dort selbst in
den Mittelgebirgen bzw. am Alpenrand nicht ganz diese hohen Werte.
"Dynamisch" fehlt es nun allerdings an jeglichen Impulsgebern für Konvektion.
Das Umfeld ist antizyklonal, von kurzwelligen Troganteilen, etc. keine Spur.
Dennoch dürften wir angesichts der durchaus "explosiven" Luftmasse keineswegs
leer ausgehen. Als Trigger für neue Konvektion müssen bei solchen Lagen oft
ältere, bereits vorhandene konvektive Systeme bzw. ihre Überreste herhalten. Und
das wird auch dieses Mal der Fall sein. Die beiden MCS aus der Vornacht bzw.
deren Überreste kommen im Tagesverlauf langsam ostnordostwärts voran, laufen
erst einmal in die vormittägliche "Depression" und schwächen sich ab. Die
aktuellen ICON-RUC-Läufe und auch I-D2 lassen das nördliche System über Hamburg
hinweg bis zum Mittag/Nachmittag nach Ostvorpommern ziehen, wobei die
Abschwächung nach Lesart des ICON-RUC nur marginal ausfällt und am späten
Vormittag/Mittag erneut eine deutliche Intensivierung über Vorpommern mit sogar
superzellulären Ansätzen simuliert wird mit zumindest markanten
Begleiterscheinungen (Unwetter nach ICON-RUC durchaus möglich), ehe das MCS nach
Polen abzieht. Das südlichere MCS bleibt generell schwächer, was angesichts der
etwas ungünstigeren Zutaten (weniger Cape, weniger PPW) nicht verwunderlich ist.
Beide Systeme produzieren mindestens jeweils eine, wahrscheinlich aber mehrere
Outflow-Boundaries, die zunächst recht rasch, später aber immer langsamer
südwärts Richtung Mittelgebirge ziehen und im Zusammenspiel mit der Orographie
durchaus als Trigger für neue Auslöse dienen könnten und wohl auch werden. Wo
diese dann letztendlich stattfindet, ist noch unklar; ICON-RUC ist sehr defensiv
aufgestellt und simuliert lediglich über Brandenburg, Ostthüringen und Sachsen
neue Gewitter. ICON-D2 und SuperHD haben dagegen eher die westlichen
Mittelgebirge (SuperHD auch die zentralen) auf der Agenda, während AROME es ab
dem späten Vormittag/Mittag/Nachmittag auf ganzer Linie des Outflows des
südlichen Systems, letztendlich von Brandenburg über
Sachsen/Thüringen/Sachsen-Anhalt bis nach Franken, zünden lässt, was wiederum
etwas übertrieben erscheint.
Eine zweite Region konvektiver Aktivität zeichnet sich dann am (eher späten)
Nachmittag und Abend aber auch in den südwestdeutschen Mittelgebirgen sowie an
den Alpen, insbesondere Richtung Allgäu, ab. Hier kommt die Orographie als
Trigger ins Spiel.
Als Begleiterscheinungen steht vor allem der Starkregen im Fokus. Die Gewitter
entstehen oft als pulsierende Einzelzellen und organisieren sich zu
"blubbernden" Multizellensystemen, wobei vor allem im Bereich Schwarzwald/Alb
bei günstigem Zusammenspiel mit der Orographie auch eine Superzelle nicht ganz
ausgeschlossen ist. Dann kommt natürlich auch der Hagel ins Spiel. Von Unwetter
kann bzgl. Starkregen kleinräumig ausgegangen werden, extremes Unwetter (über 40
mm/h) nicht ausgeschlossen. Hagel mit über 2 cm Korngröße ist bei stärkeren
Entwicklungen vor allem im Anfangsstadium durchaus möglich.
Bzgl. der Windentwicklung, vor allem bei Multizellenentwicklungen mit einem
ausgeprägten Cold Pool, ist zu beachten, dass die Grundschicht insbesondere im
Südwesten einen sehr hohen Spread aufweist (klares "inverted-V" in den
Prognsesoundings, bis nahe 1000 J/kg D-Cape). Entsprechend ist dann in erster
Linie an Gewittern in Schwaben und Südbaden durchaus mit Sturm- oder gar
schweren Sturmböen zu rechnen, über 100 km/h sind nicht ausgeschlossen.
Der Großteil des Landes geht dagegen leer aus, dazu gesellt sich die angesichts
der hohen Taupunkte (insbesondere in Nord- und Westdeutschland über 20 Grad) als
unangenehm empfundene Hitze, was eine starke, im Westen auch extreme
Wärmebelastung zur Folge hat. Abgesehen von Küstenabschnitten mit auflandigem
Wind, die es insbesondere an der Ostsee gibt, sowie den vorgelagerten
Nordseeinseln werden die 30 Grad landesweit überschritten, im Westen, Südwesten
und in der Mitte auch die 35 Grad. Die absoluten Maxima dürften sich im Bereich
von 38 Grad bewegen, lediglich 1 bis 1,5 K von den absoluten Junirekorden
entfernt.
In der Nacht zum Samstag schwächt sich die durch die Outflow Boundaries bzw.
durch die Orographie getriggerte Gewitteraktivität allmählich ab, vor allem
anfangs kann es auch noch Unwetter geben. Insbesondere im osten und Süden, aber
auch in teilen der Mitte ist es dann teils gering bewölkt oder klar, die
Abkühlung hält sich aber in Grenzen, die Minima schwanken landesweit zwischen 23
und 17 Grad, lediglich in Senken und Muldenlagen im Südosten bzw. in den
östlichen Mittelgebirgen kann es etwas frischer werden. Im Westen, Südwesten und
in der Mitte könnten in Ballungszentren bzw. in mittleren Höhenlagen sogar
rekordverdächtige Minima von 24 oder gar 25 Grad ins Haus stehen, vor allem in
bewölkten Regionen bzw. dort, wo Outflow Boundaries größerer Gewittersysteme
(dazu im nächsten Abschnitt) nochmals kurzzeitig für Durchmischung und deutliche
Erwärmung der vor schon ausgekühlten Grundschicht sorgen ("Heatbursts").
Bereits im Laufe der ersten Nachthälfte gilt es erneut, den Blick gen Westen zu
richten. Der Randtrog über Frankreich kommt langsam nordostwärts voran und
greift in der zweiten Nachthälfte auf Westdeutschland über. Vorderseitig kann
nun dynamische Hebung wirksam werden und dient bereits abends, vielleicht auch
schon nachmittags als Impulsgeber für Gewitter im Bereich der Tiefdruckrinne
über Benelux. Bei nur mäßiger Scherung, aber für hiesige Verhältnisse extremer
Instabilität (Werte siehe weiter oben) ist von starken Multizellensystemen
auszugehen, die durchaus auch eine gewisse Eigendynamik und günstige
Scherungsbedingungen im Vorfeld sorgen können. Die Folge sind ein oder mehrere
starke MCS, die im Laufe der ersten Nachthälfte auf den Westen und Nordwesten
des Landes übergreifen. Dabei können - je nach Uhrzeit (je früher desto eher) -
alle Parameter Unwetterpotenzial aufweisen: Hagel über 2 cm, Starkregen (auch
extrem möglich) und - durchaus auch flächiger auftretend - schwere Sturmböen
(100 km/h+).
Der Eintreffzeitpunkt wird von den Modellen noch mit größeren Differenzen
simuliert. Sollte das erst in der zweiten Nachthälfte der Fall sein, wird es
schwer, noch Unwetterpotenzial zu erreichen.
W3enn so ein System aber bereits in den Abendstunden hierzulande anlanden
sollte, macht sogar eine Vorabinformation durchaus Sinn. Die Entscheidung
darüber kann frühestens a, morgigen Vormittag gefällt werden.
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Synoptische Entwicklung bis Sonntag 06 UTC
Samstag ... siehe Frühübersicht. Die Entwicklung im Detail ist von so vielen
Parametern abhängig, dass es wenig Sinn macht, hier darüber zu spekulieren.
Normalerweise steht nach Abzug der größeren MCS aus der Nacht - vielleicht
"wüten sie nach Osten zu ja auch noch am Vormittag" - erst einmal eine
Wetterberuhigung ins Haus.
Angesichts der Tatsache, dass der Rücken nun tatsächlich etwas nach Osten
abgedrängt wird, die südwestliche Höhenströmung eine zyklonalere Kontur annimmt
und die Subtropikluftmasse nicht ausgeräumt wird, dürfte die Beruhigung aber nur
von kurzer Dauer sein. Spätestens abends/Nacht zum Sonntag geht es wieder los.
Modellvergleich und -einschätzung
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Die Modelle fahren einen einheitlichen Kurs. Wie üblich bei konvektiven Lagen
mit energiereicher Luftmasse und wenig Scherung lässt sich über Details nur
spekulieren. Zumindest die mesoskaligen Systeme in der kommenden Nacht, am
morgigen Vormittag und ab Freitagabend haben mehr oder weniger alle Modelle in
petto.
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Winninghoff