Kurzfrist

ausgegeben am Freitag, den 12.06.2026 um 08 UTC


GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: NWz (Nordwest zyklonal)

Vielerorts novembrig anmutender Freitag. Wochenende im Süden und Südwesten
sommerlich (vor allem der Samstag), sonst sehr wechselhaft und windig.

Synoptische Entwicklung bis Sonntag 24 UTC
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Freitag... 12. Juni, hinterm "Teich" hat die bisher größte WM aller Zeiten
begonnen (48 Nationen, was ein Wahnsinn) und bei uns steht eigentlich Frühsommer
auf dem Programm. Eigentlich, denn wenn man heute früh mal so aus dem Fenster
unseres Offenbacher Großraumbüros in Richtung Frankfurt schaut, könnte man
meinen, wir befänden und mitten im November. Tiefhängende Stratusfetzen bedecken
die Topps der Skyline, auch sonst Grau in Grau mit Nieselregen oder auch mal
"58iger" (offizielle Wetterverschlüsselung der Mischform Regen und Nieselregen
zugleich), Was ist da los, liebe Freunde des Atmosphärensports, Herbst statt
Sommer, darf das sein? Nun, beim Wetter darf fast alles sein, es gibt eigentlich
nichts, was es nicht gibt, und so mag die eine oder der andere die aktuelle
Wetterlage vielleicht nicht schön finden, vollkommen ungewöhnlich ist sie für
Juni aber auch nicht.

Zur Ausgangssituation, die Deutschland unter dem östlichen Teil der mäßig
ausgeprägten, vom Ostatlantik bis nach Mitteleuropa gerichteten Frontalzone
sieht. Sie wird nach Osten begrenzt respektive geblockt durch einen scharf
geschnittenen, negativ geneigten Potenzialtrog über dem östlichen Mitteleuropa
und dem Balkan, der sich kaum vom Fleck bewegt. Im Grunde sorgt er dafür, dass
die Frontalzone über dem Kontinent nach Südosten abgelenkt wird, was bei uns
eine nordwestliche Höhenströmung zur Folge hat. Diese ist sogar leicht
antizyklonal konturiert, weil sich von Westen her ein flacher Rücken nähert. Der
Rücken wird den Erwartungen, die gemeinhin in ein solches Gebilde gesetzt
werden, allerdings nicht im Geringsten gerecht: kein richtiges Absinken, keine
richtige Abtrocknung, nüscht dergleichen. Stattdessen wird er von WLA
überlaufen, die großflächige Hebung generiert.

Hinzu kommen die Verhältnisse am Boden bzw. in der untersten Troposphäre, die
heute von dem zweikernigen Tief SABINA, dem zugehörigen Frontensystem sowie
einer stabilen, sprich, nicht entwicklungsfähigen Welle geprägt sind. Während
die Kerne des Muttertiefs zwischen der norwegischen Westküste knapp nördlich von
Svinöy und Island verortet sind, Tendenz langsam ostwärts ziehend, ist die Welle
gerade dabei, Irland/UK in Richtung Nordsee zu passieren. Die Warmfront von
SABINA hat Deutschland erreicht und leitet einen Luftmassenwechsel von mP
(maritime Polarluft, die gestern eingeströmt ist) zu sehr feuchter Subtropikluft
(mSp) ein. Dabei kommt es von NW nach SO zu stratiformen Regenfällen, teils mit
oder als Niesel und regionsweise als Landregen vom allerfeinsten. Aufgrund der
Strömungskonfiguration werden feuchte Luft und Niederschlag so richtig schön
gegen die Alpen gedrückt, wo die Luftmasse staubedingt wie ein Schwamm
ausgequetscht wird. Am stärksten greift dieser Effekt in den Chiemgauer und
Berchtesgadener Alpen, wo bis Samstagfrüh durchaus zwischen 30 und 40, in
Staulagen vielleicht bis zu 50 l/m² Niederschlag fallen können. Weiter westlich
sowie im Bayerischen Wald ist es etwas weniger, bis zu 30 l/m² lokal sind aber
auch dort drin. In allen anderen Regionen liegt die 24-stündige Ausbeute
darunter, auch wenn es im Luv der zentralen und südlichen Mittelgebirge für
beachtliche 10 bis 20, lokal bis 25 l/m² reicht.

Darüber hinaus bleibt zu konstatieren, dass der Nordosten am wenigsten vom dem
Warmfrontregen abbekommt. Gerade in MV lockert die Wolkendecke mitunter sogar
stärker auf. Auch im Norden (bereits aktuell) und Westen (etwas später) geht der
Trend vorübergehend in Richtung nachlassender Regen, bevor mit der Welle zum
Abend hin nochmal eine zweite Portion in den Westen und Nordwesten transportiert
wird. Der südwestliche bis westliche Wind macht sich aufgrund der stabilen
Schichtung vor allem in höheren Lagen bemerkbar mit stürmischen Böen 8 Bft,
vereinzelt 9 Bft in exponierten Kamm- und Gipfellagen der Mittelgebirge sowie
der Alpen. Hinzu kommt ab Mittag für einige Stunden die Nordseeküste.
Höchsttemperatur 17 bis 21, im südlichen Oberrheingraben bis zu 23, bei
Dauerregen an den Alpen teils nur 15°C.

In der Nacht zum Samstag erreicht die zuvor durch die Welle ausgebremste
Kaltfront den Vorhersageraum, wo sie grob bis zur südlichen Mitte vorankommt.
Dort muss sie schwer ums Überleben kämpfen, weil das Umfeld aufgrund einer über
Frankreich liegenden und sich um Expansion bemühenden Hochdruckzone (FALK)
frontolytische Züge aufweist. Leben oder Sterben, das ist hier aber gar nicht
die Kernfrage. Wichtiger ist die Tatsache, dass es zunächst noch zu weiteren,
nun teils schauerartigen Regenfällen kommt, die sich bis zum Morgen mehr und
mehr in den Osten bzw. Südosten zurückziehen. Rückseitig der Front wird eine
merklich trockenere und vergleichsweise stabile subpolare Meeresluft in den
Norden und Westen advehiert (mPs; T850 um 5°C). Bei genauerem Hinsehen lässt
sich in den Prognosesoundings aber etwas abgehobene Labilität erkennen, bevor
bei maximal 700 hPa eine Sperrschicht den Deckel draufmacht => einzelne Schauer
ja, vor allem Richtung Küste, Gewitter eher nein. Sicher ist die erneute
Windzunahme auf und an der Nordsee, weil der Luftdruck im Norden mit Annäherung
des Tiefs SABINA gen Südnorwegen fällt bei gleichzeitig konstantem Luftdruck im
Süden. So erreicht der West-Nordwestwind Böen der Stärke 7, exponiert + freie
See 8 Bft.

Tiefsttemperatur 16 bis 10°C.

Samstag... verbringen wir nach wie vor unter einer west-nordwestlichen
Höhenströmung, die nach Norden hin im Bereich eines Jetstreaks leicht zyklonal,
sonst überwiegend indifferent konturiert ist. Bodennah kommt der Wind aus Westen
und das durchaus spürbar. Zum einen baut sich ein veritabler Gradient auf
zwischen der von Südnorwegen nach Südschweden übersiedelnden SABINA (Kerndruck
etwas unter 1005 hPa) sowie der von Irland über Frankreich bis zum zentralen
Mittelmeer reichenden Hochdruckzone FALK (1020 bis 1026 hPa). Zum anderen weist
die einfließende maritime Subpolarluft einen trockenen Fuß (inverses V) mit
labiler Grundschicht auf, komplettiert von extrem hoher Scherung. Gute bis sehr
gute Voraussetzungen also, den Wind mit Unterstützung des Tagesgangs ordentlich
in Wallung zu bringen. Böen 7 Bft sind in weiten Landesteilen obligatorisch.
Böen 8 Bft treten nicht nur in höheren Lagen sowie an den Küsten auf, auch in
Schauernähe dürfte uns die ein oder andere stürmische Böe um die Ohren pfeifen.
Zwar hält sich die Numerik (noch?) zurück, aber selbst eine glatte Sturmböe 9
Bft kann in Einzelfällen nicht ausgeschlossen werden, wobei hier ausdrücklich
nicht nur von exponierten Kamm- und Gipfellagen die Rede ist. Je weiter es in
den Süden und Südwesten geht, desto zahmer der Wind. Böen 7-8 Bft treten dort
zwar nicht ausschließlich, aber vorwiegend in höheren und in freien Lagen auf.

Auch sonst ist Süden/Südwesten ein gutes Stichwort, wird doch aus dem herbstlich
anmutenden Ambiente des heutigen Tages ganz schnell Sommer, wie ihn sich viele
vorstellen und wünschen. Dank der tatkräftigen Unterstützung des Kollegen FALK
setzt sich vermehrt die Sonne durch und treibt die Temperatur problemlos in
Richtung 25°C und sogar darüber. Bis zu 28°C stehen im Oberrheingraben auf der
Karte. Schauer treten gar nicht oder nur selten auf - übrigens ein Mitgrund,
warum es beim Wind weniger deftig zugeht als in den anderen Regionen. Die
bekommen morgen - getriggert durch Tagesgang und wiederholt durchlaufende
Kurzwellenanteile - bei rasch wechselnder Bewölkung nämlich einige Schauer ab,
wobei sich die Modelle hinsichtlich der genauen räumlichen Verteilung aber noch
nicht ganz einig sind. Geht es nach der deutschen Modellkette, dann trifft es
"nur" die Regionen zwischen dem westlichen NDS (+Münsterland und Ostwestfalen)
bis hinüber zur Oder und Neiße. Externe Modelle lassen die Schauer etwas weiter
nach Süden ausgreifen, womit dann z.B. auch ganz NRW, Teile Hessens sowie
Nordbayern am Start wären.

Gibt´s denn auch Gewitter, könnte man jetzt nicht ganz unberechtigt noch
einwerfen? Wir antworten mit einem eindeutigen Wohlmöglich. Betrachtet man die
erforderlichen Zutaten, so fällt einem sofort das limitierte CAPE ins Auge, das
ja aber nun mal notwendig ist, wenn´s rumsen soll. Die Luftmasse ist weder
besonders labil noch überbordend feucht. Hinzu kommt weiterhin die um 700 hPa
angesiedelte Inversion, die vertikale Auswüchse verhindert. Je weiter man in der
Republik aber in Richtung SH, eher noch gen Ostsee sowie allgemein in den
Nordosten geht, desto höher und desto schwächer die Sperrschicht und desto
labiler die Luft (T500 um -21°C über T850 um +4°C). Dort sind also einzelne
Überentwicklungen gut möglich, die im Fall der Fälle vor allem mit Böen 8 (9)
Bft sowie kleinkörnigem Hagel einhergehen. Starkregen hingegen ist
unwahrscheinlich.

Abseits vom sommerlich temperierten Süden/Südwesten werden morgen 19 bis 24°C,
im gesamten Nordwesten inkl. den küstennahen Gebieten 15 bis maximal 20°C
erreicht.

In der Nacht zum Sonntag verlagert sich der Hauptkern von SABINA in Richtung
Gotland. Rückseitig sorgt KLA für leichten Potenzialverlust respektive eine
schwache Austrogung des korrespondierenden Höhentiefs. Nicht viel, aber
ausreichend, um den äußersten Norden und Nordosten mit Höhenkaltluft bis zu
-25°C auf 500 hPa zu versorgen. Während also sonst das konvektive Geschehen
tagesgangbedingt stark am Abebben ist, bleibt es hoch im Norden/Nordosten munter
im Gange. Vor allem in Küstennähe wird die Schlagzahl mit Hilfe diabatischer
Effekte (oben Kaltluft, unten relativ warmes Meerwasser) eher noch erhöht, was
auch die Gewitterwahrscheinlichkeit ansteigen lässt (Böen 8, vereinzelt 9 Bft,
dazu kräftige Güsse, aber nicht zwingend Starkregen im formellen Sinne). Darüber
hinaus bleibt der westliche bis nordwestliche Wind an den Küsten auch abseits
von Konvektion prominent unterwegs mit Spitzen 7 bis 8 Bft.

Für den großen Rest des Landes heißt es wolkig, nach Süden und Südwesten hin
auch gering bewölkt oder klar, abnehmende Schauer. Vor allem in den
Mittelgebirgen kühlt es häufig auf unter 10°C ab.

Sonntag... bleibt uns die west-nordwestliche, im Nordosten deutlich, sonst nur
leicht zyklonal konturierte Höhenströmung erhalten. Bodennah verbringen wir den
Tag am Rande von SABINA, die mit mehreren Kernen die Ostsee, Finnland und das
Baltikum okkupiert hat. Auf der Südwestflanke dieses Systems gelangt mit flotter
West-Nordwestströmung nach wie vor konvektionsanfällige Meeresluft subpolaren
Ursprungs in weite Landesteile, was einen sehr wechselhaften und windigen (Böen
7-8 Bft) Tagesablauf mit Schauern und einzelnen Gewittern (markant wegen Böen)
zur Folge hat. Dazu Temperaturen, die gerade mal als mäßig warm, teils sogar als
kühl zu bezeichnen sind. Lediglich in Teilen Süd- und Südwestdeutschlands,
schwerpunktmäßig von Südbaden über Oberschwaben bis ins westliche Oberbayern,
bleibt es einigermaßen sommerlich mit längerem Sonnenschein, auch wenn die
Temperatur gegenüber Samstag zurückgeht (Sommertag wohl nur noch von Hochrhein
bis ins Westallgäu sowie im südlichen Oberrheingraben). Kein Wunder, zieht sich
doch Kollege FALK aus Frankreich vorübergehend etwas zurück Richtung
Ärmelkanal/UK/Irland.

In der Nacht zum Montag ändert sich nur wenig an der großräumigen
Strömungskonstellation. Es ist also die untergehende Sonne und das damit
einhergehende Ende solarer Energiezufuhr, welche die Szenerie bestimmen.
Expressis verbis bedeutet das weniger Wind, weniger Schauer, weniger Temperatur.
So dürfte sich der Nordwestwind selbst an den Küsten soweit abschwächen, dass
keine Warnungen mehr nötig sind. Vielleicht reicht es auf Helgoland, Sylt, Amrum
und Föhr noch für ´ne steife Böe 7 Bft, vielleicht. Einzelne Schauer treten
schon noch auf, wenn auch weniger als tagsüber. Betroffen die Mitte und der
Norden, an der Ostsee sind sogar vereinzelte Gewitter möglich. Und klar,
Abkühlen tut es auch, in der Mitte und im Süden je nach Bewölkung nicht selten
auf unter 10°C.

Modellvergleich und -einschätzung
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In den Grundzügen simulieren die Modelle die Wochenendentwicklung sehr ähnlich.
Wie bereits im Text z.T. angedeutet ergeben sich Unschärfen u.a. bei den
heutigen Regenmengen am Alpenrand, die in zurückliegenden Läufen schon mal
intensiver gerechnet wurden. Auch die räumliche Ausdehnung der morgigen (und
sonntäglichen) Schaueraktivität weist noch Spielräume auf.

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann