Synoptische Übersicht Kurzfrist
SCHLAGZEILE:
Nach ruhiger Nacht Attacke von Süden durch Vb-artige Entwicklung - ab
Sonntagnachmittag teils kräftige Schneefälle zunächst im Süden, später bis in
den Norden ausgreifend. Nach Osten hin Glatteisgefahr (Unwetter)!
Synoptische Entwicklung bis Montag 06 UTC
----------------------------------------------------------------
Aktuell ... befindet sich Deutschland auf der Vorderseite eines stark negativ
geneigten Potenzialtrogs, der sich - gespickt mit mehreren Drehzentren - von
Kanada einmal quer über den Atlantik bis zum westlichen Mittelmeer erstreckt.
Dort, genau genommen über dem Löwengolf, hat sich das flache (um 1000 hPa), aber
recht hochreichende Tief LEONIE II etabliert, das bis morgen früh in Richtung
Ligurisches Meer respektive Grenzbereich Frankreich-Italien zieht. LEONIE I
hingegen - ehemals prominentes Sturmtief mit nahe 960 hPa im Kern - hat irisches
Festland erreicht, wo es mittlerweile etwas über 980 hPa auf die barische Waage
bringt. Die Reste der inzwischen deutlich vom Tief abgesetzten Okklusion haben
die Nordsee und den Norden Deutschlands erreicht, wo es im nördlichen NDS bis
hinüber nach SH anfangs noch etwas schneit. Allerdings hat es am Nachmittag
lange gedauert, bis der Phasenübergang von gefrierendem Regen in Schnee
vollzogen wurde, weil sich die "warme Nase" als äußerst resilient erwiesen hat
gegen die zugegebenermaßen nicht übermäßig starken Hebungs- und
Niederschlagsprozesse. Gut möglich, dass es aktuell auch noch etwas gefrierenden
Regen gibt, aber kein Unwetter mehr.
Zwischen der nordwärts abziehenden Okklusion und dem Tief südlich der Alpen
stellt sich in der Nacht zum Sonntag ganz leichter Zwischenhocheinfluss mit
etwas kompensatorischem Absinken ein, was unter dem Strich für ruhige
Verhältnisse sorgen dürfte. Im Norden und Osten bleibt es meist bedeckt, sonst
präsentiert sich der Himmel abseits regionaler Hochnebelfelder (Süden/Südosten)
vielerorts gering bewölkt oder klar. Im Süden und in der Mitte bildet sich
stellenweise Strahlungsnebel. Bei leichtem, im Süden und in der Mitte vielfach
mäßigem Frost muss vor allem dort, wo tagsüber und am Abend Niederschläge
aufgetreten sind, mit Glätte durch gefrierende Nässe oder etwas Neuschnee
gerechnet werden. Aber auch in Nebel- bzw. Nebelrandgebieten kann es hier und da
glatt werden.
Sonntag ... ist es bald schon wieder vorbei mit der Zwischen-Ruhe. Das Tief über
dem Ligurischen Meer nähert sich ganz langsam den Alpen, wo Druckfall ausgelöst
wird. Eine Zirkulation im Bodendruckfeld ist zunächst allerdings nicht zu
erkennen, vielmehr liegt zunächst nur eine amorph anmutende Rinne vor, die über
die Alpen bis nach Italien bzw. zur Adria reicht. Entscheidend ist, was dann
passiert. Mit Annäherung des Höhentiefs von LEONIE II an die Alpen wird über
Süddeutschland ein stark zyklonal konturiertes, diffluentes Isohypsenfeld
erzeugt, in dem nach oben zunehmende positive Vorticityadvektion generiert wird.
Hinzu kommt von Osten her zunehmende WLA, die aber etwas nach Norden gegenüber
der PVA verschoben ist.
Kurzum, es werden Hebungsmechanismen geschaffen, die sich am Vormittag in einem
leichten Anheben der im Süden befindlichen Hochnebelfelder äußern. Die Folge ist
etwas Schneegriesel oder gefrierender Nieselregen mit Glättegefahr. Etwas ab
Mittag fängt es im Süden dann richtig an zu schneien, während in der Mitte
dieselben Prozesse einsetzen wie zuvor im Süden (Anheben des Hochnebels/Stratus)
und die durchaus einen nicht zu unterschätzenden Impact (Glätte/Glatteis) haben
können. Im Süden kristallisieren sich bayerisch Schwaben und das südwestliche
Oberbayern als die Region heraus, die bis zum Abend den meisten Schnee
abbekommt. 5-10 cm stehen gebietsweise auf der Karte und das in 6 Stunden, was
per definitionem eine markante Schneefallwarnung erforderlich macht. Ansonsten
fallen im östlichen BaWü sowie auf bayerischer Seite etwa bis nach Mittelfranken
Mengen von wenigen Flocken ohne komplette Bodenabdeckung bis hin zu wenigen
Zentimetern < 5cm.
Bedeckt aber weitgehend niederschlagsfrei bleibt es in der kompletten Nordhälfte
abzüglich einiger Auflockerungen oder Sonnenfenster in den westlichen
Landesteilen. Bis zum Abend nimmt der östliche Wind auf der Nordsee stetig zu,
Böen 7 Bft bleiben wohl zunächst aber nur Helgoland vorbehalten.
Höchsttemperatur -3 bis +3°C, im tagsüber nahezu komplett frostfreien Westen und
Südwesten bis zu +6°C.
In der Nacht zum Montag macht die erneute Einwinterung weitere Fortschritte. Das
Höhentief überquert die Alpen nordwärts und zieht bis zum Morgen in die Mitte.
An der Nord-Nordostflanke wird weiterhin PVA generiert, die nun zunehmend mit
der o.e. WLA interagiert. Damit verstärken sich die Hebungs- und
Niederschlagsprozesse bei gleichzeitiger Ausbreitung über die Mitte bis in den
Norden. Inzwischen ist auch im Bodendruckfeld eine Zirkulation erkennbar, die
sich aus der Rinne im Süden löst, um nach Lesart von ICON mit knapp unter 1000
hPa Richtung Erzgebirge (00 UTC) und dann ins Dreiländereck SN-BB-ST (06 UTC) zu
ziehen.
Für die Schlagzeilen sorgen natürlich die Schneefälle, die vielerorts nicht nur
länger andauern, sondern auch recht ergiebig ausfallen. Sie breiten sich über
die Mitte bis in den Norden aus und dauern bis weit in den Montag an, weil sich
das Tief nur sehr pomadig verlagert und die hebungsfördernden Advektionsprozesse
an den Flanken sehr ordentlich konditioniert und ausdauernd sind. Akkumuliert
man die Neuschneemengen bis Montagmittag, können bei aller noch gegebenen
Modellunschärfe gebietsweise bis zu 15 cm, im Süden (Teile Frankens und
bayerisch Schwabens, Ostalb bis Main-Tauber - so zumindest ICON) vielleicht
sogar bis zu 30 cm zusammenkommen.
Und damit das Ganze nicht zu einseitig wird, sorgt ein Warmlufteinschub von
Osten dafür, dass insbesondere in den östlichen Landesteilen kein Schnee -
zumindest anfangs oder für einige Stunden -, sondern Regen fällt. Keine gute
Nachricht angesichts tiefgefrorener Böden, die für rasche Eisbildung auf Wegen
und Straßen sorgen. Die Ausgabe einer Vorabinformation Unwetter vor Glatteis am
Sonntagmorgen ist auf Basis der aktuellen Prognosen unausweichlich, auch wenn
Andauer und genaue räumliche Exposition (SuperHD z.B. ist sehr progressiv mit
seiner Ausdehnung nach Westen) noch unscharf sind. Offen auch noch, ob die
"warme Nase" trotz starker Hebungs- und Niederschlagsabkühlung bis zum Morgen
vollständig wegerodiert und der Regen in Schnee übergegangen ist. Kritisch
könnten ab Montagmorgen zudem noch Schneeverwehungen an der Ostsee werden, weil
dort der der Nordostwind auf der Nordflanke des Tiefs mächtig Fahrt aufnimmt
(Böen 7-8 Bft, exponiert 9 Bft). So oder so, Langeweile geht anders, der Winter
gibt nicht auf.
----------------------------------------------------------------
Synoptische Entwicklung bis Dienstag 06 UTC
Montag ... weitere Schneefälle, erst in der Nacht zum Dienstag nachlassend.
Weitere und neue Details in der morgigen Frühübersicht.
Modellvergleich und -einschätzung
----------------------------------------------------------------
Dass die kurzfristige Entwicklung bis Montag brisant und spannend ablaufen wird,
ist evident. Gleichwohl sind noch längst nicht alle Fragen geklärt (siehe Text),
was u.a. an der genauen Zugbahn des Tiefs, insbesondere des Höhentiefs sowie der
anhängigen Hebungsprozesse liegt (wie stark, wo genau, welche Luftmasse, welche
Schichtung).
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann