Kurzfrist

ausgegeben am Donnerstag, den 02.07.2026 um 08 UTC


GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: NWa (Nordwest antizyklonal), ab Sonntag mit Tendenz zu NWz (Nordwest
zyklonal)

ZOE der Giftzwerg und IMMANUEL der Gemütliche - an den Küsten vor allem zum
Freitag hin Sommersturm, im Süden überwiegend geschmeidiges Sommerwetter mit
veritablen nächtlichen Abkühlungsraten.

Synoptische Entwicklung bis Samstag 24 UTC
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Donnerstag... steht ganz im Zeichen zweier Protagonisten auf der
Bodenwetterkarte, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: Auf der einen
Seite Madame ZOE, kleines aber giftiges Sommersturmtief, aktuell auf dem Weg von
Schottland nach Norwegen. Auf der anderen Seite IMMANUEL, Abgesandter der
berühmtesten aller Antizyklonen, dem in diesem Fall etwas nach Osten
vorgerückten Azorenhoch. Während die eine ganz klar zyklonale Interessen
verfolgt und quasi alles dafür tut (Fronten, Wolken, Regen, Wind, Sturm usw.),
dieses auch zum Ausdruck zu bringen, sind die Pläne des Kollegen IMMANUEL ganz
klar antizyklonaler Natur: sommerliche Wärme, blauer Himmel und Sonnenschein,
Trockenheit usw. Nun gehört es zu den allgemeinen Weisheiten des Alltags, dass
man im Leben nicht alles haben kann (fragt mal beim DFB nach), so dass unter dem
Strich eine Mischung aus alledem herausspringt - übrigens nicht nur heute,
sondern auch an den Folgetagen. Die beiden sind dabei aber nicht nur konträr
unterwegs, zum Teil interagieren sie auch recht harmonisch, was insbesondere bei
der Windentwicklung zum Ausdruck kommt, die - das sei an dieser Stelle schon
vorweggenommen - wohl die prominenteste Rolle in den Wetterberichten einnehmen
wird. Doch der Reihe nach.

Zunächst geht der Blick erstmal in die Höhe auf die Potenzialverteilung, die uns
ein antizyklonales Nordwestmuster präsentiert. So befindet sich aktuell noch ein
flacher Höhenkeil über dem Vorhersageraum, der quasi den Fortsatz eines sehr
breiten Rückens westlich der Iberischen Halbinsel markiert. Nach Norden hin wird
der Rücken über dem mittleren Nordatlantik von der gut definierten, zonal
exponierten Frontalzone begrenzt, an deren rechten Ausgang aktuell ein flacher
Randtrog die Nordsee kreuzt, um Kurs auf Deutschland zu nehmen. Dadurch nimmt
die west-nordwestliche, vor dem Trog kurzzeitig auf West-Südwest rückdrehende
Höhenströmung vorübergehend eine zunehmend zyklonale Kontur an, was nicht ohne
Folgen für die Wetterentwicklung bleibt.

Womit wir wieder bei ZOE wären, die im Laufe des Nachmittags im Westen
Südnorwegens onshore geht und dabei zwei Kerne bildet. Der eine, für uns
irrelevante zieht unter Abschwächung nach Norden weg. Der andere vertieft sich
auf unter 1000 hPa und steuert via Oslofjord südschwedisches Festland an. Das
zugehörige okkludierende Frontensystem greift jetzt bald auf den Vorhersageraum
über und bringt von der Nordsee her dichte Wolken und leichten Regen, der sich
bis zum Abend auf die Norddeutsche Tiefebene und Westdeutschland ausbreitet.
Viel ist es allerdings nicht, was da runterkommt und auch sonst macht das
frontale Regenband einen fragilen Eindruck. Die Gründe dafür sind schnell
gefunden. Zwar ist die präfrontale Luftmasse bis ca. 600 hPa ganz ordentlich
gesättigt. Dem Frontensystem mangelt es aber an ausreichend Baroklinität, auch
wenn die postfrontal einströmende subpolare Meeresluft (mPs) sicherlich frischer
ist als die Luft davor (T850 heute Abend 7°C im Nordwesten, im Süden
gleichzeitig 15°C). Noch wichtiger aber scheint die Tatsache, dass die dem Trog
weit vorauseilende KLA die durchaus vorhandenen PVA-Anteile substanziell
teilkompensiert. Lange Rede, kurzer Sinn, wir sollten uns nicht wundern, wenn im
Laufe der Abendstunden ein paar marginale Tröpfelchen an Mosel und Untermain
runterkommen (wenn sie es durch die trockene Grundschicht schaffen). Eine
Offenbarung ist das - übrigens auch weiter nördlich - nicht. Mit dem
Luftmassenwechsel sowie Annäherung des Troges labilisiert die Schichtung im
äußersten Norden etwas, was dort vereinzelte Schauer auf den Plan ruft. Für
Gewitter wird es aufgrund der von oben einsetzenden Abtrocknung sowie einer um
700 hPa erkennbaren kleinen Sperrschicht sehr wahrscheinlich aber nicht reichen.


Und IMMANUEL, wo hat der seine Aktien? Antwort: ganz klar im Süden und vor
Annäherung des Frontensystems auch in der Mitte sowie im Osten. Als wuchtiger
Bodenkeil erstreckt er sich von der Biskaya über Frankreich und die Südhälfte
unseres Landes bis ins östliche Mitteleuropa. Das bedeutet nach Auflösung
einiger flacher Nebelfelder (Osten/Südosten) viel Sonne oder nur lockere Wolken
und sommerliche Temperaturen zwischen 25 und 30°C. Vom RMG bis nach Unterfranken
bzw. hinunter zum Oberrhein sind lokal sogar ein paar Zehntel mehr als 30,0°C
drin. Nur im Nordwesten wird es mit 20 bis 24°C nicht so warm.

Bliebe noch der Wind, der zunächst auf und an der Nordsee inkl. dem küstennahen
Binnenland und weiten Teilen SHs auf sich aufmerksam macht, bevor ab dem
Nachmittag von West nach Ost auch die Ostseeküste dran ist. Los geht´s mit
Windrichtung Südwest, bevor eine Drehung auf West bis Nordwest folgt, die dann
auch mit einer Windzunahme korreliert. Die Rede ist von Böen 7-8 Bft, an der
Nordsee auflandig zum Abend hin 9 Bft (Butjadingen bis hoch zur nordfriesischen
Küste), während an der Ostsee außer im Westen steife Böen 7 Bft überwiegen.
Darüber hinaus frischt der Wind mit Durchgang der teilokkludierten Kaltfront
(kleine Druckanstiegswelle) im nord- und westdeutschen Binnenland kurzzeitig
auf, was einzelne 7er-Böen zur Folge hat. Eine Extra-Warnung dafür drängt sich
aber nicht auf.

In der Nacht zum Freitag erreicht die Kaltfront den äußersten Süden der
Republik. Rückseitig breitet sich subpolare Meeresluft aus, in der T850 auf bis
zu 5°C in der Nordhälfte und 10°C ganz im Süden zurückgeht. Der Randtrog
passiert den Norden und die Mitte ostwärts, ohne dabei nennenswerte Spuren zu
hinterlassen. Lediglich auf und an der See (Stichwort diabatischer Impuls durch
das vergleichsweise warme Oberflächenwasser) reicht es für einige Schauer, die
aber nicht über 750 hPa hinauskommen (Inversion), was Gewitter unwahrscheinlich
macht. Zwei Dinge mit Substanz gilt es zu erwähnen. Erstens, der
West-Nordwestwind bleibt an der Küste sehr flott unterwegs, wobei er an der
Ostsee gegenüber dem Tag sogar zunimmt. Böen 8 Bft sind Standard, Böen 9 Bft je
nach Küsten- und Inselexposition keine Seltenheit und Böen 10 Bft (immerhin
schwere Sturmböen) auf Sylt, Amrum und Föhr, später auch auf Fehmarn und Rügen
absolut möglich. Zweitens, die Luft kühlt ab auf angenehme 15 bis 10°C, in den
Mittelgebirgen z.T. noch darunter. Lediglich direkt am Meerwasser sowie unter
der frontalen Bewölkung im Süden bleibt es milder.

Freitag... drücken die beiden Herrschaften unserem Wetter weiterhin ihren
Stempel auf. Während sich ZOE in Richtung Gotland und später rüber zum Baltikum
verdünnisiert und dabei beginnt sich langsam aufzufüllen, investiert IMMANUEL in
neuerlichen Druckanstieg auf rund 1026 hPa im Westen. Bis hoch nach Rügen macht
das zur Mittagszeit über 10 hPa Unterschied. Nicht gleichmäßig, sondern schief
verteilt mit einem Gradientmaximum im Nordosten, was an der Windentwicklung
logischerweise nicht spurlos vorbeigeht. So wird der West-Nordwestwind mit Hilfe
des Tagesgangs in weiten Teilen Norddeutschlands (Minimum im NW, Maximum im NO)
sowie im Osten bis etwa hinunter zum Erzgebirge merklich auffrischen. Böen 7 Bft
sind obligatorisch, Böen 8 Bft von SH bis hinüber nach MV und das nördliche BB
ebenfalls. Und an der Ostsee (+ schmaler Streifen küstennahes Binnenland) sowie
mit etwas geringerer Wahrscheinlichkeit auch an der schleswig-holsteinischen
Nordseeküste stehen glatte Sturmböen 9 Bft auf der Karte, so dass hier summa
summarum von einem veritablen Sommersturm gesprochen werden kann. Gern genommen
von uns Meteorologen, da warntechnisch deutlich besser in den Griff zu bekommen
als die mitunter erratische Eierei bei konvektiven Lagen.

Apropos konvektiv, da könnten morgen strichweise ein paar Schauer von der
Deutschen Bucht landeinwärts ziehen. Einige Modelle schreiben den Schauern gar
so viel Stehvermögen zu, dass sie es bis nach Sachsen oder das südliche BB
schaffen - mal sehen. Schauer bilden sich auch an der Ostsee, vornehmlich
Richtung Vorpommern, weil sich dort noch am ehesten die Reste des
durchgeschwenkten Randtrogs bemerkbar machen. Vielleicht reicht es ja sogar für
einen elektrischen Schauer mit Böen 8-9 Bft, wird doch die o.e. Sperrschicht für
einen kurze Zeit um den Mittag herum bis auf 600 hPa angehoben (=> Temperaturen
dicht bei -10°C).

Während also grob in der NO-Hälfte windiges, sonst aber nicht unfreundliches
Wetter vorherrscht - wechselnd wolkig mit überwiegend ausreichend
Sonnenanteilen, 21 bis 24°C, in Seenähe um oder auch etwas unter 20°C -, gibt
nach Süden und Südwesten hin IMMANUEL ordentlich Gas. Meint im Klartext viel
Sonnenschein mit einigen lockeren Wolken bei 24 bis 28°C (die eingeflossene
subpolare Meeresluft kann sich durch den diabatischen Input rasch erwärmen,
kommt aber nicht ganz an die Spitzen von heute ran). Allerdings gilt einmal
mehr, keine Regel ohne Ausnahme. Grund sind die Residuen der Kaltfront, die den
Attacken des Bodenkeils trotzen und an den Alpen bzw. im Grenzbereich zur
Schweiz durchaus noch Wirkung zeigen: dichte Wolken, zeitweise Regen, Tendenz am
Nachmittag nachlassend.

In der Nacht zum Samstag beginnt der Gradient im Nordosten aufzuweichen. Der
Tagesgang tut das Seinige dazu, so dass der Wind beginnt abzunehmen. Im
Binnenland geht das vergleichsweise schnell, wohingegen die Küste naturgemäß
etwas länger braucht. Auch dort wird der Regler von Westen her zwar spürbar nach
unten gedreht. An der Ostsee, vor allem auf MV-Seite, muss aber mindestens bis
zum Morgen noch mit Böen 7 Bft, Rügen/Darß vereinzelt 8 Bft gerechnet werden.

Darüber hinaus gilt es zu konstatieren, dass es insbesondere zur Mitte und nach
Süden hin aufklart mit erfreulichen Abkühlungsraten. 15 bis 9, in Senken, Mulden
und (engen) Tälern teils bis zu 6°C sind ´ne Ansage, mit der man aus
schlaftechnischer Sicht was anfangen kann. Wer hätte das vor Wochenfrist
gedacht. Auch im Norden kühlt es ausreichend ab, wenn auch wegen mehr Wolken
nicht bis in den einstelligen Bereich.

Samstag... verbringen wir unter einer leicht antizyklonal konturierten, aber
durchaus mit Flatterpotenzial behafteten nordwestlichen Höhenströmung. So lässt
sich beispielsweise ein ganz flacher Sekundärtrog ausmachen, der von der Nordsee
her durchgeschleust wird und der mit der Warmfront eines neuen Tiefs über der
Norwegischen See korrespondiert. Das genügt, um dem Norden von West nach Ost
zeitweise etwas Regen zu bescheren. Ob bis zum Abend auch die östliche Mitte ein
paar Tropfen abbekommt, ist derzeit noch fraglich, aber auch nicht wirklich
wichtig. Fakt ist, dass die NO-Hälfte gegenüber der SW-Hälfte einmal mehr in der
Hinterhand ist, was aber nicht heißt, dass zwischen Nordsee und Oder nicht auch
mal ein paar Aufhellungen oder Auflockerungen auftreten. Ist halt ein südlicher
Typ, der IMMANUEL, der es mit den Nordostdeutschen nicht so hat. Bemerkbar macht
sich das freilich auch bei der Temperatur, die in der NO-Hälfte auf 19 bis 25°C,
sonst auf 24 bis 30°C kommt. Dazu weht an den Küsten ein mäßiger bis frischer
westlicher Wind mit der ein oder anderen steifen Böe 7 Bft.

Ungleichgewicht auch in der Nacht zum Sonntag: NO-Hälfte im Warmsektor Durchzug
dichter Wolken, zeitweise leichter Regen. Nach Süden und Südwesten hin gering
bewölkt bis klar, trocken. Insgesamt fällt die Nacht wieder milder aus als die
Nächte zuvor, so bullig wie zuletzt wird es aber bei Weitem nicht.

Modellvergleich und -einschätzung
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Die Entwicklung wird modellübergreifend sehr ähnlich simuliert. Leichte
Diskrepanzen bei den Niederschlagsmengen sind bekannt und bei dieser Lage nicht
von Relevanz - zumindest nicht aus warntechnischer Perspektive. Meist nimmt ICON
(vor allem die grob aufgelösten Versionen) dabei die defensivste Rolle ein. Aber
mit guter Defensive kann man ja weit kommen, wie wir jetzt bei der WM gelernt
haben...

Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann