Kurzfrist
GWL und markante Wettererscheinungen:
GWL: Trotz vorübergehender Störung von Westen insgesamt HFa (Hoch Fennoskandien
antizyklonal)
Heute verbreitet sonnig oder nur locker bewölkt, im Südwesten und Westen mit
voller, im Nordosten mit stark gedämpfter Frühlingstemperatur. Vor allem in der
Nacht zum Freitag und zunächst auch noch tagsüber von Westen vorübergehend
zyklonaler mit allen Schikanen: Regen/Schauer, vereinzelte Gewitter (keines
Fragezeichen), Schnee (im Osten), gebietsweise Wind oder Sturm. Am Freitag
insbesondere im Westen und Südwesten merklich zurückgehende Temperaturen.
Synoptische Entwicklung bis Freitag 24 UTC
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Mittwoch... ist bei uns noch alles auf Hochdruck gestellt. So verbleiben wir
weiterhin unter der Ägide eines nahezu stationären Höhenrückens, der sich vom
westlichen Mittelmeer bis hoch in die Barentssee erstreckt und dabei mit QUIRIN
zusammenarbeitet. QURIN ist das korrespondierende Bodenhoch, das nicht minder
ausladend daherkommt. Meridional exponiert reicht es von Nowaja Semlja über
Skandinavien hinweg bis nach Mitteleuropa und mithin auch nach Deutschland. Der
Schwerpunkt des Hochs befindet sich weit oben im Norden über Lappland, wo das
Barometer heute zeitweise auf NN reduzierte 1040+x hPa anzeigt. Alles, was sich
zyklonal schimpft, macht derzeit noch einen großen Bogen um QUIRIN und den
blockierenden Rücken, aber es wird schon ein bisschen gebohrt. Zu nennen wäre da
in erster Linie das Geschehen über dem nahen Atlantik, wo sich west-südwestlich
von Irland ein fettes Sturmtief (SASKIA) mit rund 975 hPa festgesetzt hat und
auf seiner Rückseite kanadische Kaltluft anzapft. Dadurch gewinnt der anfangs
noch breit und flach daherkommende Potenzialtrog über dem Ostatlantik zunehmend
an Amplitude bei gleichzeitig seichter Progression gen Osten. Ein Frontensystem
gibt es auch, genau genommen derer zwei mit einer vorlaufenden, um 00 UTC über
UK/Irland analysierten Kaltfront sowie einem okkludierenden Frontensystem weiter
draußen auf dem Atlantik.
Bevor die genannten Systeme bei uns so richtig ins Geschehen eingreifen, vergeht
erst noch ein nahezu störungsfreier Mittwoch, an dem mit einem einzigen Adjektiv
eigentlich schon alles gesagt ist: sonnig! Okay, selten eine Regel ohne
Ausnahmen. Zu nennen wären an dieser Stelle die Schleierwolken, die quasi als
laue Vorboten des Geschehens auf dem Atlantik von der Nordsee und Benelux in den
Norden und Westen schleichen, ohne aber den ganz großen Impact auszuüben.
Vielleicht, aber auch nur vielleicht werden sie später am Tag mal etwas dichter,
dass sie die Sonne gebietsweise etwas stärker abschirmen. Baustelle #2 befindet
sich ganz im Osten, wo später erstens von Polen und der Ostsee her ein paar
fragile ST/SC-Reste reindriften können und/oder sich aus den labilen
Grundschicht ein paar Kumuli bilden. Ansonsten aber lässt sich in der sehr
trockenen Luft vielerorts kein Wölkchen am Himmel blicken.
Apropos Luft, womit wir beim eigentlich interessantesten Aspekt des heutigen
Tages angekommen wären, nämlich der Temperatur. Schon in der vergangen Nacht gab
es große Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen/Südwesten, Beispiel
gefällig: Im brandenburgischen Baruth südlich von Berlin kühlte es auf -6,2°C
ab, in der Luft wohlbemerkt (am Boden waren es -9,1°C). Regelrecht mollig
dagegen Weiskirchen im Saarland, wo es nicht kälter als +9,1°C wurde. Dieser
Trend setzt sich auch heute tagsüber fort, wenn auch natürlich auf einem ganz
anderen Niveau. Im Grunde ist es nämlich so, dass wir im Osten und Nordosten
skandinavische Kaltluft zu liegen haben (xPs; T850 heute Mittag -4 bis 0°C),
während nach Westen und Südwesten hin trockene Subtropikluft (xS; T850 um +10°C)
wirksam ist. Wenn man so will eine wohldefinierte antizyklonale Baroklinität,
die bei zyklonalen Rahmenbedingungen die Platzierung einer Luftmassengrenze auf
der Wetterkarte zur Folge hätte. Egal, Fakt ist, dass die Temperatur zwischen
Vorpommern und Lausitz so gerade mal auf 12, 13 oder 14°C hochkommt, wohingegen
sich der gesamte Westen und Südwesten auf 19 bis 24°C freuen kann. Der Rest
liegt irgendwo dazwischen mit der Einschränkung, dass es an Küstenabschnitten
und auf Inseln mit auflandiger Windkomponente (wir reden von östlichen Winden)
noch etwas kühler bleibt.
In der Nacht zum Donnerstag bleibt das antizyklonale Setup noch stabil, auch
wenn die o.e. vorlaufende Kaltfront die Nordsee erreicht und vorderseitig die
Zufuhr hoher, im Nordwesten vielleicht auch einiger mittelhoher Wolken forciert.
Über dem äußersten Osten schwebt weiterhin das Damoklesschwert tiefer Bewölkung,
die - sofern sie eine gewisse Kompaktheit aufbringt, was aber unsicher ist -
immerhin als Frostdämpfer agieren könnte. Ansonsten bringt auch die nächste
Nacht wieder vornehmlich in der Südosthälfte sowie in den Mittelgebirgstälern
leichten Frost zwischen 0 und
-5°C, am Boden gebietsweise entsprechend darunter.
Donnerstag... kommt wie bereits angedeutet etwas Abwechslung in die Bude, auch
wenn wir von einem "richtigen" Wetterwechsel zunächst noch nicht sprechen
können. Immerhin, das Bodenhoch zieht sich wenn auch langsam etwas nach
Nordosten zurück und auch der mächtige Rücken bekommt ein paar Schwierigkeiten.
Von Westen baggert der o.e. Trog, der sich zunehmend zu einem scharf geschnitten
Kurzwellen-Modell entwickelt. Im Osten kratzt ein wuchtiges Höhentief mit
Drehzentren über dem nahen Osteuropa. Kurzum, es kommt die berühmte Zangentaktik
zum Einsatz, die zwar Spuren hinterlässt (allmählicher Potenzialabbau), den
austrainierten Rücken aber keinesfalls gänzlich von seiner Position eliminiert.
Und so kommt es, wie es bei vergleichbaren Lagen häufig kommt. Ja, es wird
wolkiger, vor allem im Westen und Nordwesten, wo die vorlaufende, im
Tagesverlauf aber von den Wetterkarten verschwindende Kaltfront die ersten
Akzente setzt. Ansonsten aber scheint abgesehen von Cirren und ein paar
AS-/AC-Schollen verbreitet und vielfach den ganzen Tag die Sonne. Am Nachmittag
und Abend, wenn das okkludierende Frontensystem mit dem immer schmaler werdenden
Warmsektor übergreift, können im Westen und Nordwesten hier und da ein paar
Tropfen fallen, ohne dass der Kohl aber so richtig fett wird. Zuvor wird bei der
Temperatur erneut der große Spagat nicht nur geübt, sondern auch gezeigt: 10 bis
15°C im Osten und Nordosten, Küste z.T. darunter, 19 bis 24°C im Westen und
Südwesten. Nicht zu vergessen der insbesondere über der freien Nordsee, gegen
Abend dann auch an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste auffrischende
Südostwind, meist noch mit Böen 6 Bft, auf bei Südost anfälligen Helgoland 7
Bft.
In der Nacht zu Freitag erreicht uns dann die Kaltfront des o.e. Sturmtiefs, das
inzwischen munter Zellteilung betrieben hat und um 00 UTC mit drei Kernen (die
"SASKIAs") um 985 hPa rum schmal und länglich über der Irminger See und der
Dänemarkstraße liegt. Eingebettet ist die Front in einen scharf geschnittenen,
fast rinnenartig daherkommenden Bodentrog, der vorder- als auch rückseitig im
Nordwesten inkl. Nordsee sowie in Teilen der Ostseeküste einen spürbar
auffrischenden Wind zur Folge hat (7-8 Bft, mit Druckanstiegswelle an der
Nordsee vielleicht 9 Bft). Was noch bemerkenswerter ist aber die krasse
Winddrehung von Südost auf Nordwest (nicht an der Ostsee, die noch längere Zeit
vorderseitig bleibt), die also glatt mal 180° beträgt, was man auch nicht alle
Tage sieht. Im unmittelbaren Vorfeld der Kaltfront kommt es zu einer
Labilisierung und Anfeuchtung der präfrontalen Warmluft, so dass dort
gebietsweise etwas CAPE generiert wird (MU maximal 10 bis 250 J/kg). Scherung
ist auch vorhanden, dafür passt die Tageszeit nicht so richtig und auch der
nachfolgende KW-Trog ist zunächst noch zu weit weg, um einen nennenswerten
Hebungsinput zu leisten. Kurzum, ein bis zwei elektrische Schauer oder einzelne
Gewitter - elevated - können im Westen und Nordwesten nicht gänzlich
ausgeschlossen werden, aufdrängen tun sie sich auf der anderen Seite aber auch
nicht.
Interessant wird´s, wenn Front sowie Bodentrog/Rinne auf die im Osten noch
lagernde Kaltluft treffen. Beide gelangen zudem unter den linken, diffluenten
Ausgang eines sich von den Niederlanden südostwärts vorbohrenden Jetstreaks, so
dass der Support aus der Höhe immer besser wird. Die Modelle würdigen das mit
einer Intensivierung der bis dato eher etwas luschigen, diffus auftretenden
Niederschläge, vor allem im Nordteil. Dabei passiert etwas, was man zu dieser
fortgeschrittenen Jahreszeit vielleicht nicht unbedingt mehr vermuten würde.
Niederschlags- und Verdunstungsabkühlung induzieren in der unteren Troposphäre
eine vorübergehende Isothermie knapp über dem Gefrierpunkt, die den Regen
teilweise in Schnee übergehen lässt. Nur kurzzeitig und nass, so dass davon
nicht großartig was liegen bleibt, aber vielleicht reicht´s hier und da ja für
etwas Matsch. Ganz im Osten, grob von Ostpommern bis hinunter zum
Osterzgebirge/Zittauer Gebirge bleibt es bis zum Morgen noch niederschlagsfrei.
Vorübergehend kühlt die Luft dort sogar nochmals in den leichten Frostbereich
ab, bevor die Gegenstrahlung der aufziehenden Bewölkung dem Minuszeichen den
Stecker zieht. Derweil lockert die Bewölkung im Westen in Teilen wieder auf.
Freitag... ziehen Rinne und Front mit dem zugehörigen Niederschlag nach Polen
und Tschechien bzw. auf die Ostsee ab. Wie lange das dauert und ob die Kaltfront
nicht vielleicht schon vorher geblockt wird (und sich auflöst) vom über
Nordosteuropa weiterhin präsenten QUIRIN, wird modellübergreifend derzeit noch
unterschiedlich gehandhabt. Die deutsche Modellkette jedenfalls schlägt eine
progressive Lösung vor. Anfangs kann es dabei z.T. noch schneien und ganz im
Osten, wo der Südostwind dagegenhält, kann vorübergehend vielleicht sogar was
liegenbleiben - abwarten. Regnen tut es zunächst auch noch in Süddeutschland, wo
sich der Niederschlag aber mehr und mehr in die Gebiete südlich der Donau und
final dann an den Alpenrand zurückzieht.
Ansonsten steigt der Luftdruck von Westen her wieder an, wobei sich zur
Mittagszeit über Benelux eine eigenständige Hochparzelle mit etwas über 1020 hPa
niederlässt (Ableger des Azorenhochs; REINALD?). Leichte Gewinne auch beim
Geopotenzial, wo sich der Rücken von Südwesten her regeneriert. In der vor allem
in den Norden und die Mitte einfließenden maritimen Polarluft (mP; T850 0 bis
-4°C, im Süden teils deutlich milder) eine gemischt-wolkige Gemengelage ein, bei
der auch die Sonne zu unterschiedlich lang andauernden Auftritten kommt. Auf
alle Fälle wird es frischer als bisher, wobei der Temperaturrückgang im Westen
und Südwesten am krassesten ausfällt. Nix mehr mit 20+x°C, stattdessen "nur" 13
bis 18°C, in der Nordosthälfte gar nur 7 bis 13°C. Dazu weht an der See anfangs
noch ein frischer, auf westliche Richtungen drehender Wind, der aber bereits im
Laufe des Vormittags an Fahrt verliert und bis zum Abend nicht mehr der Rede
wert ist.
In der Nacht zum Samstag marschiert das o.e. Hoch unter Konturverlust rasch über
den Vorhersageraum ostwärts hinweg. Das bringt uns unweigerlich auf die
Vorderseite eines allerdings noch weit entfernten, aber sehr imposanten
Sturmtiefs knapp nordwestlich von Irland (00 UTC). Mit einem Kerndruck von evtl.
unter 960 hPa und seinen dicht gedrängten konzentrischen Isobaren erinnert das
Tief an eine Vinyl-Schallplatte aus alten Tagen. So wuchtig das Tief auch ist,
beschränkt sich sein hiesiger Impact zunächst lediglich auf einige
WLA-getriggerte hohe, evtl. mittelhohe Wolkenfelder, die bei uns reinziehen.
Tiefe Wolken hingegen werden weniger, im Süden bildet sich vornehmlich von der
Donau südwärts stellenweise Nebel. Im Osten und Nordosten sowie der östlichen
Mitte gibt es gebietsweise leichten Luftfrost. Frost in Bodennähe tritt deutlich
häufiger und flächiger auf.
Modellvergleich und -einschätzung
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Im Großen und Ganzen simulieren die Modelle die beschriebene Entwicklung
ähnlich. Noch keine Einigkeit herrscht in Bezug auf die Kaltfront am Freitag im
Osten: Abzug Richtung östliches Mitteleuropa oder Blockierung und Auflösung vor
Ort. Hinsichtlich potenzieller Gewitter morgen Abend ist die Numerik gegenüber
gestern ebenso zurückgerudert wie beim signifikanten Wind, der ebenfalls
großflächiger geplant war. Mal sehen, was morgen früh noch davon übrig ist.
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann