Kurzfrist
SCHLAGZEILE:
Heißer Wochenstart in der Südwesthälfte mit bis zu 38°C, dazu von der Mitte bis
in den Süden teils kräftige Gewitter.
Synoptische Entwicklung bis Dienstag 06 UTC
----------------------------------------------------------------
Aktuell ... haben wir den Zenit der Sommersonnenwende knapp überschritten. Um
10:24 Uhr war es soweit, der subsolare Punkt, also der Ort, über dem die Sonne
im Zenit steht, hatte den nördlichen Wendekreis bei 23° 26´ erreicht. Weiter
geht nicht, nun geht´s langsam aber sicher wieder zurück in den Süden. Heißt für
uns, die Tage werden wieder kürzer, die Nächte länger. Im Grunde ist der Sommer
gelaufen und wir können uns schon wieder auf Schnee und Eis(hockey) freuen. Wie
meinen? Hat der Hoffmann noch alle Latten am Zaun, ist ihm die Hitze zu Kopf
gestiegen? Okay, mal abgesehen davon, dass es in der Regel keiner großen Hitze
bedarf, dass der Hoffmann dummes Zeug erzählt, soll an dieser Stelle lediglich
etwas provoziert oder auch geträumt werden. Traumtänzer, natürlich stehen wir
erst am Anfang des Sommers. Natürlich befinden wir uns erst am Anfang einer
wohlmöglich länger andauernden Hitzeperiode. Und natürlich sind Tagesverlust und
Nachtgewinn zunächst nur infinitesimaler Natur, sodass wir davon kaum was
merken.
Aber genug der Faselei. Zur Lage, die uns heute neben fetter Hitze insbesondere
in der Südhälfte auch ein paar knackige Gewitter bis hin zu Unwettern beschert
hat. Einer der Hotspots Berlin, wo die Feuerwehr wohl deutlich mehr zu tun hatte
als gewünscht. Auch aktuell sind noch einige "Kanten" auf der Platte und das,
obwohl die Großwetterlage eher antizyklonal gefärbt ist. In der Höhe ein
breiter, von NW-Afrika bis hoch Mitteleuropa reichender, an seinem Nordrand aber
abgeflachter Potenzialrücken. Am Boden HARTMUT, seines Zeichens Hochdruckgebiet
mit 1033+X-hPa-Zentrum mittemang über der Nordsee. Beide, Rücken und Hoch
verstärken sich sogar eher noch. So regeneriert sich der Rücken in seinem
Westteil, weil er dort mit Warmluft vorderseitig eines Cut-Off-Tiefs westlich
der Iberischen Halbinsel versorgt wird. Und auch die 1030iger-Isobare vergrößert
die Fläche, die sie umhüllt.
Berücksichtigt man nun noch, dass sich die Sonne in wenigen Stunden zur
Nachtruhe begibt und damit der Energiehahn abgedreht wird, wird einem schnell
klar, warum die meisten Modelle - allen vor die hochauflösenden außer AROME -
die Gewitterei im Laufe der Nacht weitgehend zum Stillstand bringen. Mal etwas
eher, mal etwas später. Da verwundert es, dass die gröberen Modelle nicht ganz
so optimistisch sind. Demnach geht sehr wohl noch was, vornehmlich in der
zweiten Nachthälfte im Bereich der östlichen Mitte etwa vom südlichen NDS über
Teile Thüringens und Sachsen-Anhalts bis nach Sachsen rein (+/-). Im Angebot
stehen einzelne Gewitter und/oder schauerartige Regenfälle mit eingelagerten
Gewittern. Der Grund könnte ein flacher Sekundärtrog sein, der mit der auf
West-Nordwest drehenden Höhenströmung durchgeschleust wird und auf eine sehr
feuchte Luftmasse mit abgehobener Labilität trifft. Auf alle Fälle scheinen die
Globalmodelle darauf sensitiver zu reagieren als die hochauflösenden. Inwieweit
auch die von Norden etwas südwärts vorankommende, leicht diffus daherkommende
Kaltfront an den Prozessen beteiligt ist, ist schwer zu beurteilen. Da es sich
um nächtliches Geschehen handelt, sprich, sich die Grundschicht ein Stück weit
stabilisiert hat, dürfte der KW-Trog die Hauptrolle spielen. So oder so sollten
die Nachtdienste diese Region aufmerksam im Auge behalten.
Noch zu erwähnen, dass postfrontal mit nördlicher bis östlicher Strömung eine
weniger warme/heiße und auch trockenere Luftmasse in den Norden gelangt. T850
geht auf rund 10°C zurück (zum Vergleich, im äußersten Südwesten liegt sie bei
20°C), die Taupunkt gebietsweise auf unter 15°C. Äußerst komfortable
Rahmenbedingungen für nächtliches Lüften, geht doch die Temperatur bei Aufklaren
auf unter 15, im schleswig-holsteinischen Binnenland punktuell bis auf 10°C
zurück. Da kann man weiter südlich nur neidisch werden, insbesondere im
Südwesten, wo vielerorts einmal mehr eine Tropennacht mit über 20°C Minimum
ansteht.
Montag ... ändert sich gar nicht mal so viel an der Gesamtkonstellation. In der
Höhe der Rücken mit Achse über Westeuropa, was bei uns eine vergleichsweise
schwache west-nordwestliche Höhenströmung mit antizyklonaler Kontur zur Folge
hat. Am Boden Hoch HARTMUT mit Zentrum über der Nordsee und Keil bis zur
westlichen Ostsee respektive Nordostdeutschland. Auf seiner Südflanke kommt die
Kaltfront noch etwas in Richtung Landesmitte voran, bevor sie im Tagesverlauf
mangels ausreichend Baroklinität und auch sonstiger schwacher Marker
möglicherweise der Frontolyse zum Opfer fällt.
Front hin, Frontolyse her, Fakt ist, dass der Norden in den Genuss einer
thermisch moderaten, nicht ganz so feuchten und zudem stabilen Luftmasse kommt,
in der die Temperatur trotz ausreichend Sonnenschein unterhalb der 30°C-, ganz
hoch im Norden sogar unterhalb der 25°C-Marke bleibt. Direkt an der Küste stehen
bei nördlichen Wind z.T. nur rund 20°C auf der Karte.
Die Mitte und der Süden hingegen verbleiben weiterhin in der sehr warmen bis
heißen "tropical airmass". Am feuchtesten ist die Luft in der Mitte und im
Südosten (PPW über 30, gebietsweise über 35 mm, spez. Grundschichtfeuchte um 13
g/kg), am labilsten ist sie im Südwesten. Auf alle Fälle wird wieder ordentlich
CAPE generiert, ML-CAPE z.T. bis 1500 J/kg, wobei zwischen Alpenrand/südlichem
Vorland und Oberrheingraben wegen der trockenen Grundschicht ein Minimum
auszumachen ist. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch dort ebenso wie in den
anderen Regionen - vornehmlich ausgelöst durch die Orografie, die ein oder
andere Überentwicklung in die Höhe schießt. Scherung ist, sieht man mal von
kleinräumiger, durch die Topographie induzierter ab, kaum vorhanden. Heißt im
Umkehrschluss, dass die Gewitter häufig in Form pulsierender, langsam
süd-südostwärts ziehender Einzelzellen auftreten. Möglich, dass diese nach
Südosten hin hier und da mal zu einer nicht allzu großen Multizelle
zusammenwachsen. In der Basis wird in der markanten Liga gespielt (SR 15 bis 25
l/m² innert kurzer Zeit, kleiner Hagel und Böen 8 Bft). Unwetter durch SR > 25
l/m² und etwas größeren Hagel bis zu 3 cm (aufgrund der hohen Energiewerte) sind
nicht ausgeschlossen und auch stärkere Böen 9 (10) sind im Südwesten aufgrund
der inversen V-Struktur mit erhöhtem DCAPE nicht gänzlich von der Hand zu
weisen.
Ebenso wenig kann negiert werden, dass es ein heißer, in Teilen verdammt heißer
Wochenanfang wird mit Tageshöchstwerten zwischen 29 und 35°C, im Südwesten 34
bis 38°C. Für Ende Juni schon sehr ungewöhnlich, sowohl von den hohen Werten
her, aber auch von der Andauer der Hitze auf diesem Niveau.
Kurz noch in die Nacht zum Dienstag, wo sich der Rücken etwas nach Südwesten
zurückzieht, während das Bodenhoch unter leichter Abschwächung von der Deutschen
Bucht auf deutsche Festland wechselt. Die Modelle simulieren übereinstimmend ein
Nachlassen bzw. sogar gänzliches Einschlafen der Konvektion. Auf der Suche nach
den Gründen findet man neben dem Tagesgang (der aber nicht immer ein Garant ist)
ein leichte Abtrocknungstendenz innerhalb der Luftmasse sowie - trotz Rückzug
des Rückens - eine leichte Sperrschicht bei etwas 600 hPa, die als potenzieller
Deckel fungiert. Außerdem deuten sich keine Importgewitter von unseren
unmittelbaren Nachbarn an, so dass die Nachtdienste optimistisch in ihre
Schichten einsteigen können - wohlwissend, dass man auf dem Sektor Konvektion,
vor allem nächtlicher Konvektion nie vor Überraschungen gefeit ist.
Wenig Neues von der Temperatur. Während das mit der Abkühlungsrate hoch im
Norden zumindest abseits des unmittelbaren Küstensaums hervorragend funktioniert
(wir reden hier von Tiefstwerten bis 10°C, in SH lokal vielleicht sogar
einstellig), bleibt es gerade im Südwesten sehr, sehr mollig mit über 20°C.
----------------------------------------------------------------
Synoptische Entwicklung bis Mittwoch 06 UTC
Dienstag ... liegen keine substanziellen Ergänzungen oder Unterschiede zur
Frühübersicht vor.
Modellvergleich und -einschätzung
----------------------------------------------------------------
Die grundlegenden Muster werden sehr ähnlich simuliert. Wie so oft liegt der
Teufel im Detail und dass wir da mal mehr, mal weniger in die Irre geführt
werden, haben die letzten Tage und Nächte gezeigt. Von daher gilt: Blaumann an,
Nowcast-Handwerkskoffer raus und in situ warnen.
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann