Kurzfrist

ausgegeben am Samstag, den 30.05.2026 um 18 UTC


SCHLAGZEILE:
Vergleichsweise ruhige Nacht, dafür in Teilen rüpeliger Sonntag - LAUDINE und
MECHTHILD lassen´s krachen.

Synoptische Entwicklung bis Montag 06 UTC
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Aktuell ... ist die Atmosphäre dabei, konvektive Resteverwertung zu betreiben.
Wie meinen? Nun, die Rede ist von einzelnen Gewitterzellen, die sich aus dem
Nachmittag in den Abend gerettet haben und nun im äußersten Süden Bayern
abgewickelt werden. Viel dürfte nicht mehr kommen, da den Zellen mehr und mehr
die Luft respektive der Antrieb ausgehen. Sowohl der Tagesgang als auch der von
Westen nahende flache Höhenrücken erweisen sich als konvektive Spielverderber,
so dass bald Schluss mit der Ballerei sein dürfte.

Gebildet haben sich die Gewitter - und damit kommen wir zur Wetterlage - auf der
warmen Seite einer mitten über Deutschland zonal positionierten, leicht
wellenden Luftmassengrenze (LMG). Während die LMG hier bei uns inmitten einer
vollkommen antriebslosen, amorph anmutenden Druckverteilung liegt, ist sie nach
Norden hin als teilokkludierte Kaltfront einem flachen Tief über Südskandinavien
(LAUDINE) anhängig. Die Front oder LMG trennt erwärmte Meeresluft subpolaren
Ursprungs (mPs) im Norden von teils abgetrockneter, teils feuchter Subtropikluft
(mS/xS) im Süden. Besonders feucht bei leidlicher Labilität präsentiert sich die
Luft knapp südlich der Front. In einem relativ schmalen, von der Eifel über
Südhessen und Franken bis zur unteren Donau reichenden Korridor findet man
gegenüber den anderen Regionen deutlich erhöhte PPW-Werte (25 bis 30 mm, teils
noch etwas mehr) und auch die spezifische Grundschichtfeuchte hebt sich mit rund
10 g/kg recht deutlich ab.

In den nun folgenden Nacht zum Sonntag gilt es bereits den Konjunktiv
auszupacken bei einer Vorhersage, die gerade mal 6 bis 12 Stunden abdeckt. Zwar
ist man sich modellübergreifend dahingehend einig, dass sich der o.e. Rücken
über dem Vorhersageraum breitmacht. Bei genauerem Hinsehen allerdings - hier
bietet sich das 300-hPa-Niveau an - lässt sich erkennen, dass die Hauptachse des
Rückens bis zur Mitte vorankommt. Heißt im Umkehrschluss, der Westen gelangt auf
die Rückseite und damit unweigerlich auf die diffluente Vorderseite des nächsten
Troges, der als Kurzwellenexemplar via UK/Irland die Nordsee ansteuert. Die
Frage ist nun, reichen die vom Trog ausgehenden Hebungsimpulse im Westen bereits
in der Nacht aus, die abgehobene Mischungsschicht zu aktivieren und Konvektion
auszulösen. Und wenn ja, wie sieht diese aus (räumliche Ausdehnung, geometrische
Konfiguration (Einzel-/Multizellen, Verclusterung ja/nein), Import oder
Vor-Ort-Entwicklung, Timing, Verlagerung usw.). Scannt man dahingehend die
verschiedenen Modelle ab, so werden einem diverse Lösungen kredenzt. Sehr
offensive (Zeit/Raum) wie z.B. AROME, tendenziell eher defensive (später Beginn)
wie z.B. ICON6_Nest und natürlich zahlreiche Zwischenformen. Fakt ist, dass die
ebenfalls von Westen (Niederlande) übergreifende Tiefdruckrinne kaum in der Lage
sein wird, die stabile Grundschicht der Nacht zu überrumpeln und das Ganze von
unten anzuschieben. Unter Beobachtung steht freilich die große Gewitterzelle
über Belgien, der eine gewisse Lebensdauer zugetraut wird. Allerdings breiten
sich Wolkenschirm und nicht-gewittriger Regenanteil weit nach Osten aus, was der
Zelle die zum Weiterleben erforderliche Aufnahme von Energie um einiges
erschwert.

Was bleibt uns also übrig, als die ganze Chose auf uns zukommen zu lassen bzw.
voller Vertrauen in die warnenden Hände unser Nachtdienstkollegen zu legen. Gut
möglich, angesichts der aktuellen Lage gar wahrscheinlich, dass schon vor
Mitternacht die ersten Importschauer oder -gewitter aus Belgien/Luxemburg den
Weg zu uns finden. Ob diese dann auf dem Weg nach Osten irgendwann wieder in die
Knie gehen (weitgehend jedenfalls; SuperHD/ICON-D2) oder sich aber zu
Multizellen bzw. Clustern aufschaukeln, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, dass
die Schauer/Gewitter wegen der abgehobenen Labilität am ehesten von markantem
Starkregen begleitet werden, auch wenn die numerischen Signale alles andere als
aufdringlich sind. Tatsache ist auch, dass es im Norden und Osten bei längerem
Aufklaren gebietsweise auf unter 10°C abkühlt, während im Westen und Südwesten
nicht selten 19 bis 14°C auf der Anzeigetafel stehenbleiben. Hier und da bilden
sich ein paar flache Nebelfelder.

Sonntag ... wird die Angelegenheit nicht einfacher, weil die verschiedenen
virtuellen Szenarien der Nacht natürlich Auswirkungen auf das Tagesgeschehen
haben. Wie viel der möglichen Konvektion läuft in die morgendliche Depression,
was bleibt an Restbewölkung, die den Aufbau von CAPE hemmt - nur einige von
mehreren Fragen, deren belastbare Antworten der Verfasser an dieser Stelle
schlichtweg schuldig bleiben muss.

Widmen wir uns also lieber den Dingen, die wir haben respektive dem, was wir
wissen. Erstens, der Rücken wird unter Abflachung langsam nach Osten
weggedrückt. Zweitens, der nachfolgende Trog nähert sich dem Vorhersageraum,
ebenfalls unter Abflachung. Ergibt drittens eine zunehmend zonal konturierte
Höhenströmung, die von Westen her tendenziell immer zyklonaler wird. Viertens,
die Tiefdruckrinne breitet sich über die gesamte Norddeutsche Tiefebene sowie
das ostdeutsche Tiefland ostwärts. Sollte darin irgendwo ein Druckminimum mit
zyklonaler Windanordnung anzutreffen sein (ICON-D2 sieht so etwas am Nachmittag
im Nordwesten), dann würde man es MECHTHILD nennen. Fünftens, die feuchte und
labil geschichtete Subtropikluft breitet sich über die Mitte bis in den
Nordwesten und zum Nachmittag dann zusehend auch im Süden bis an die Alpen aus.


Konsequenz: Je länger der Tag dauert (und desto mehr solare Energie ins System
gelangt), desto häufiger kommt es zu konvektiven Umlagerungen. Der Schwerpunkt
wird am Nachmittag und in den Abendstunden erwartet. Besonders in der Mitte und
im Süden werden gebietsweise zwischen 1000 und 1500 J/kg MU-CAPE simuliert, wenn
auch aus den oben genannten Gründen keinesfalls kongruent. Zum Teil überlappen
die hohen Energiewerte gut mit sehr soliden Scherungsbedingungen (hauptsächlich
aber nicht ausschließlich geschwindigkeitsbedingt, LLS teils um 10 m/s, DLS
gebietsweise 20 bis 30 m/s), so dass den Gewittern ein gewisses Organisations-
bzww. Rotationspotenzial zuzutrauen ist. Das zeigt sich u.a. in der simulierten
Aufwindhelizität, aber auch die simulierten Reflektivitätsmuster warten mit
einigen kleineren Bogen- oder Liniensegmenten auf. Der Süden, vor allem die
Gebiete südlich der Donau, zieren sich anfangs noch mit "günstigen"
Rahmenbedingungen (zu trocken, kaum Scherung), was sich im Tagesverlauf aber
ändert.

Resümee: Voraussichtlich ausgehend von der Mitte entwickeln sich bereits am
Vormittag erste Gewitter (möglichweise sind am Morgen auch noch einige
Restkrökler aus der Nacht am Start), die im weiteren Verlauf immer mehr werden.
Dabei strahlt die Gewitteraktivität sowohl in den Süden als auch in den
Nordwesten aus. Als Begleitparameter steht grundsätzlich Starkregen auf der
Karte (markant, lokal aber auch WU möglich), auch wenn die Gewitter kein
Standfußball spielen, sondern über eine gewisse Mobilität verfügen. Je nach
Organisationsgrad kommen noch Hagel dazu (1 bis 3 cm, vereinzelt noch etwas
größer) und besonders im Süden (Stichwort trockene Grundschicht + inverses V =>
erhöhtes DCAPE) die Gefahr von (schweren) Sturmböen 9 bis 10 Bft. Müßig zu
erwähnen, dass in dem komplexen System wie fast immer auch ein gewisses
Überraschungspotenzial steckt, welches die ganzen konzeptionellen Überlegungen
in der Praxis am Ende hier und da konterkariert. Letztlich geht´s hier aber
darum, die Kompassnadel zumindest einigermaßen an der erwarteten Entwicklung
auszurichten.

Weitgehend unbeeindruckt ob des ganzen Tamtams bleibt ein Streifen, der von der
Deutschen Bucht über SH, HH und MV bis hinüber zur Oder bzw. Neiße reicht.
Erstens mangelt es in trockener Luft am entsprechenden Input latenter Energie
und zweitens wäre noch eine zwischen 900 und 800 hPa eingezogene Sperrschicht zu
überwinden. Statt Schauer und Gewitter geben sich dort Quellwolken und z.T.
längere Sonnenfenster die Ehre. Auch im Westen lässt sich ab dem Nachmittag ein
gewisses Erlahmen der Konvektion konstatieren. Druckanstieg über Frankreich
lässt den westlichen Wind ein wenig aufleben, wodurch trocknere und
niedertroposphärisch kühlere Luft advehiert wird. Damit wird den Bestrebungen
der Atmosphäre vertikal zu expandieren zunehmend der Zahn gezogen.

Blieben zum Schluss nur noch die Temperaturen, die im Süden und in Teilen der
Mitte auf 24 bis 30°C ansteigen. Gemäßigter das Niveau im Rest des Landes, wo 20
bis 25, in Seenähe je nach Anströmung auch etwas weniger auf dem Zettel stehen.


In der Nacht zum Montag steigt der Luftdruck von Frankreich her weiter an, was
einen schmalen Keil bis nach Süddeutschland bzw. zu den Alpen vorstoßen lässt.
In der Höhe schwenkt hingegen der der Kurzwellentrog von Westen zu uns rein, der
auf seiner unmittelbaren Vorderseite ein PVA-Maximum induziert. Der daraus
resultierende Hebungsimpuls hält das Niederschlags- und Gewittergeschehen am
Leben, das sich aber mehr und mehr in die Gebiete südliche der Donau respektive
den Alpenrand sowie in die östliche Mitte zurückzieht. Die
Gewitterwahrscheinlichkeit nimmt im Laufe der Nacht ab, die Neigung zur
Verclusterung inkl. Starkregen (z.T. auch mehrstündig) dagegen zu. Sollte es
nach Westen hin mal längere Zeit aufklaren, kann sich stellenweise Nebel bilden.


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Synoptische Entwicklung bis Dienstag 06 UTC

Montag ... siehe Übersicht von heute früh oder - wenn Geduld vorhanden - morgen
früh.


Modellvergleich und -einschätzung
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Auch wenn die Modelle die grundlegende Entwicklung ähnlich sehen, im Detail
offenbaren sich schon Unterschiede (zwischen den Modellen, aber auch in der
internen Konsistenz). Das ist nicht neu, gerade wenn es um antriebsschwache
Gewitterlagen geht. Auch die hochaufgelösten, konvektionserlaubenden Modelle
stoßen dann an ihre Grenzen, aber so spielt das Leben.


Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann